In einer Welt voller Termine, ständiger Erreichbarkeit, Reizüberflutung und Leistungsdruck wächst der Wunsch, die Stricke zu kappen und loszulassen, sich abzukoppeln, freizumachen. Immer mehr Menschen greifen daher zu bewussten Unterbrechungen des Alltags, manchmal tage-, wochen- oder monatelang. Laufen sie schlicht vor etwas davon? Ganz und gar nicht. Was gefühlt ein neuer Trend ist, hat sich seit Jahrhunderten bewährt – Exerzitien, Yoga-Retreats und Pilgerreisen helfen beim In-sich-gehen und Zu-sich-kommen. Wir wollen die drei Auszeit-Arten hier kurz unter die Lupe nehmen.
Pilgern – Schritt für Schritt zu sich selbst
„Über den Acker in die Fremde“ (pilgern von lat. per ager oder peregre) ziehen Menschen schon seit Urzeiten auf der Suche nach Heilung, Buße oder Vertiefung. Der gleichmäßige Rhythmus der Schritte wirkt meditativ, das langsame Vorwärtskommen entschleunigt, die Begegnung mit der Natur und die Einfachheit des Lebens unterwegs schaffen Raum für Gedanken und persönliche Erkenntnisse. Pilgern eignet sich perfekt für die innere Einkehr und Reflexion.
Dabei steht nicht (nur) das Erreichen eines Zielortes im Vordergrund, sondern vor allem der Weg selbst. Bekannte Pilgerwege wie der Jakobsweg ziehen Menschen aus aller Welt an, aber auch der Frankenweg (von Canterbury nach Rom) oder der Franziskusweg (von Florenz nach Rom) seien nicht vergessen. Außerdem gibt es unzählige regionale Routen wie den ökumenischen Pilgerweg (Sachsen/Thüringen), den Lutherweg und die Bonifatius-Route. Wer sich einlesen möchte, findet in den Pilgerführern wertvolle Tipps.
Yoga-Retreats – Entspannung für Körper und Geist
Eine andere Möglichkeit, körperliche Aktivität und geistige Entspannung zu verbinden, bieten Yoga-Retreats. Dabei verbringen die Teilnehmenden mehrere Tage oder Wochen an einem ruhigen Ort, oft in naturnaher Umgebung. Der Tagesablauf ist geprägt von Yogaeinheiten, Meditation, Atemübungen und Zeiten der Stille.
Im Mittelpunkt steht die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers und Geistes. Viele Retreats ergänzen das Programm durch gesunde Ernährung, Wanderungen oder Workshops zur persönlichen Entwicklung. Und dafür muss man nicht nach Indien reisen – solche Retreats finden sich vor der Haustür, zum Beispiel im Bayrischen Wald, in Tirol oder auch in der Pfalz.
Exerzitien – Die Kraft der Stille entdecken
Exerzitien sind geistliche Übungen, die vor allem in der christlichen Tradition eine lange Geschichte haben. Sie bieten die Möglichkeit, sich für einige Tage oder Wochen bewusst aus dem Alltag zurückzuziehen und sich auf die eigene Spiritualität zu konzentrieren.
Typische Elemente von Exerzitien sind Gebet, Meditation, Bibelbetrachtung, Schweigezeiten, aber auch körperliche und künstlerische Betätigung. Viele Exerzitienhäuser liegen in ruhiger Umgebung und schaffen durch Stille und Reizarmut ideale Bedingungen für die Besinnung. Dabei sind Exerzitien nicht nur für tiefreligiöse Menschen interessant. Sie unterstützen bei der Suche nach Orientierung oder persönlicher Reflexion – und es gibt sie sogar speziell für „Atheisten, Andersgläubige und Suchende“, zum Beispiel in Münsterschwarzach.
Die passende Auszeit finden
Ob Pilgern, Yoga-Retreat oder Exerzitien – jede Form der Auszeit bietet einen eigenen Zugang zu Ruhe, Erholung und Selbstreflexion. Welche Form am besten geeignet ist, hängt von den persönlichen Bedürfnissen und Lebensumständen ab. Entscheidend ist, sich bewusst Zeit für sich selbst zu nehmen. Eine Auszeit bedeutet nicht, vor dem Alltag zu fliehen, sondern innezuhalten und zu sich zu kommen – um dann mit neuer Kraft am Leben teilhaben zu können.
Statement unserer Kollegin Isabelle Löer, die regelmäßig an Exerzitien teilnimmt:
Exerzitien bedeuten für mich Abstand nehmen vom Alltag und eine Zeit für Stille, Achtsamkeit, Besinnung und Reflexion. In einem Beratungsalltag, bei dem der Mensch mit all seinen Gedanken und Bedürfnissen im Mittelpunkt steht, ist es für mich wichtig, dass ich auch selbst auftanken und mit mir selbst ins Gespräch gehen kann. Die Exerzitien geben mir genau die Möglichkeit die Glaubens- und Lebensthemen, die sowohl privat als auch beruflich auftauchen, zu betrachten. Aus einem Blickwinkel, der frei vom Arbeitsalltag ist, oft von Natur umgeben inmitten des Klosters, einem Haus der Begegnung. Das Kloster schafft hierbei einen Raum des Angenommenseins, des Wohlfühlens und gleichzeitig geprägt von Ruhe.
Ich schätze diese Auszeit, ungestört zu sein und in Besinnung zu gehen, wie ein „Standby Knopf“.
Die Arbeit mit Menschen bringt Herausforderungen und Themen mit sich, die auf einen selbst zurückgeworfen werden. Die Exerzitien stärken dabei, sich dessen wieder anzunehmen und weitere Perspektiven einnehmen zu können.
